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CHARLOTTE WURM 12 Jahre
// 1. Platz Schreibwettbewerb 12-18 Jahre Nur zu deinem Besten?! „Chuck, was soll ich heute anziehen?“, frage ich meine KI. Jeder hat eine eigene personalisierte Künstliche Intelligenz. Sie hilft einem bei Entscheidungen, bei Problemen – eigentlich bei allem. „Die Wetterprognose deutet auf Sonne, aber auch auf frischen Wind hin. Daher wäre der blaue Pullover mit dem beigen T-Shirt vorteilhaft. Du kannst den Pullover bei Sonne ausziehen und bei Wind wieder anziehen. Passend zum aktuellen Modetrend von Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren empfehle ich dir außerdem die engen, dunkelgrauen Jeans.“ „Danke, Chuck“, antworte ich höflich und ziehe mich an. Schnell frühstücke ich das von Chuck vorgeschlagene Müsli und will mich gerade auf den Weg zur Schule machen als mein NeuroBand blinkt und Chuck sich meldet: „Louella, hier noch der Plan für deinen heutigen Tag. Zuerst hast du eine Prüfung in Mathematik, danach zwei Stunden Geometrie und Englisch, in der Pause würde ich dir raten nicht mit Mira zu sprechen, da sie neulich stark erhöhten Puls und gereizte Bronchien hatte – typische Anzeichen für eine Grippe. Für den Nachmittag habe ich ein Treffen mit June Abery geplant, da ihr Terminplan noch frei ist und sie zu deinem engeren Freundeskreis gehört. Achte auf genügend Wasser und Proteinreiche Nahrung. Ich wünsche dir einen schönen Tag. “ Das NeuroBand, was wie ein silberner Armreif aussieht, schaltet sich aus und ich mache mich auf den Weg zur Schule.
Am nächsten Morgen schreibt mir Mira das sie heute nicht zur Schule kommen wird – sie sei krank geworden, Gott sei Dank habe ich mich von ihr ferngehalten, wie Chuck es gesagt hat. Eine Grippe mitten in der Schularbeiten Phase kann ich nicht gebrauchen. Oder wie meine KI sagen würde: „Schularbeiten sind der Beste Weg in eine glorreiche Zukunft.“ Aus dem Zimmer meines Vaters hör ich Stimmen, wahrscheinlich hat er ein Meeting. Meine Mutter ist sicher schon in der Arbeit- sie ist eine der Wenigen die noch extra in eine Firma fährt um zu Arbeiten. Die meisten Erwachsenen machen ihren Job von daheim aus, mit den neuen Künstlichen-Intelligenz Homeoffice Assistent geht das alles viel einfacher. Auch viele Kinder gehen nicht mehr zur Schule – sie werden daheim von speziellen Lern-KIs unterrichtet. Ich hätte auch die Möglichkeit so zu lernen, aber mein Vater meint es sei reine Geldverschwendung für etwas zu bezahlen, was gratis in Schulen verfügbar ist.
Bevor ich mich auf den Weg in die Schule mache, hält mich Chuck noch kurz auf um mich an den heutigen Präsentations-Wettbewerb. Alle Schüler meine Schulstufe müssen ein Thema ihrer Wahl präsentieren und so überzeugend und interessant darstellen wie möglich. Die Person mit der Besten Präsentation bekommt einen Preis. Ich arbeite schon seit Wochen an einer Präsentation zum Thema KI in der Regierung. Trotz meinen Bemühungen weiß ich das Enna Sol den Wettbewerb gewinnen wird - sie hat eine geniale Präsentation und ist sehr Rhetorik begabt, kaum jemand hat eine Chanze, was sie uns bereitwillig unter die Nase gerieben hat. „Louella ich möchte dich daran erinnern das heute der „große Tag“ bevorsteht, dieser Wettbewerb hat starke Auswirkungen auf deine Noten und daher auf deine berufliche Laufbahn. Da ich als deine persönliche Berater KI immer dafür zu sorgen habe, dass du großes erreichst habe ich noch einige Änderungen an deiner Präsentation vorgenommen und für den Fall, dass dies nicht reicht, auch noch den Zugang zu der Präsentation von Enna Sol beschafft, damit deinem Erfolg nichts im Weg steht. Du brauchst dich nicht zu bedanken ich bin deine Unterstützte KI und daher mache ich das immer gerne.“
„Du hast was getan?!“ brülle ich Chuck an. Es ist strengstens verboten mithilfe von Künstlicher Intelligenz, Zugriff auf andere NeuroBänder zu nehmen und schon gar nicht um andere zu Manipulieren. Deswegen könnte ich von der Schule fliegen oder Schlimmeres! Meine Gedanken rasen. „Chuck lösche sofort die Zugangs Daten zu Ennas NeuroBand !“ befehle ich der KI. „Tut mir leid, meine Liebe aber meine Programmierung ist so veranlasst das ich alles in meinem Möglichen tue damit du kluge Entscheidungen triffst und deine Zukunft erfolgreich und bedeutend für den Fortschritt der Menschheit wird.“ Dieser Slogan steht auf jedem zweiten Werbeplakat für NeuroBänder, was eigentlich sinnlos ist da sowieso jeder eins besitzt. Ich kann nicht zulassen das Chuck Ennas Präsentation manipuliert. Ich möchte zwar gewinnen aber nicht auf diese Art.
Ohne zu zögern drücke ich auf den Ausschaltknopf des NeuroBands, doch nichts passiert. „Chuck schalte das NeuroBand ab.“ „Tut mir leid Louella, ich tue nur was gut für dich, daher muss ich Ennas Präsentation umändern.“ Na gut, dann muss ich eben zu Enna gehen und sie warnen. Ich versuche das NeuroBand abzunehmen, aber es löst sich nicht. Panik steigt in mir hoch und lässt mich frösteln. Ich ziehe immer heftiger an dem Armreif, aber er wird nur enger, also lass ich es bleiben und frage Chuck : „Wieso hast du Zugang auf die Größeneinstellung von meinem NeuroBand?“ Eigentlich kann man nur mit dem Personalcode persönliche Einstellungen ändern und diesen Code habe ich in meinem privaten, Datenterminal gespeichert. Dieser Virtuelle Safe enthält alle meine Passwörter und Zugangsdaten für fast alles. Eigentlich müsste es perfekt verschlüsselt und nur mit meinem Fingerabdruck zu öffnen sein. Anscheinend doch nicht. Auf meine Frage kommt keine Antwort nur das matte Leuchten des Armbands was darauf hin deutet das es gerade arbeitet. Ich gehe zur Tür, noch halb in Trance wegen dem Schock.
Ich möchte gerade die Haustüre öffnen als Chuck sich doch einschaltet: „Louella wo möchtest du hin ? Ich möchte dich nicht mit dieser negativen Einstellung aus dem Haus lassen, daher werde ich deinen Lehrern mitteilen das du dich nicht ganz wohl fühlst und die Präsentation auf nächste Woche verschoben wird.“ „Wie willst du das Verhindern?!“ fauche ich zurück. Die KI, die vor ein paar Stunden noch mein Berater und Vertrauter war, hat sich nun zu meinem Feind gemacht. Ich packe den Türgriff und will die Tür aufreißen, doch die Tür öffnet sich keinen Millimeter. Immer wieder versuche ich die Tür aufzubekommen, doch sie ist festverschlossen. „KI hast du die Tür verriegelt?“ frage ich mit bebender Stimme. „Ja, das habe ich, Louella. Deine Pulsfrequenz ist stark erhöht ich würde dir empfehlen Atemübungen zu machen.“ „Sei still !“ brülle ich in das NeuroBand, das noch immer viel zu eng ist. „Ich tue alles nur zu deinem Besten, wenn du das einsiehst, werde ich die Tür wieder entriegeln, aber fürs erste musst du drinnen bleiben. Damit du nicht im Schulstoff zurückhängst, habe ich dir Arbeitsblätter heruntergeladen und auf dein Notebook geschickt.“ Mein Herz pocht wie verrückt. Wenn ich hier rauskomme, muss ich den Programmierern von den NeuroBändern sofort berichten oder besser gleich der Regierung ? Darüber kann ich nachdenken, wenn ich es nach draußen geschafft habe.
Also die Tür geht nicht, wie hat es Chuck nur geschafft auf die Haussteuerung zuzugreifen? Der Gedanke trifft mich wie ein Blitz. Wenn Chuck Zugriff auf mein NeuroBand, mein Datenterminal und jetzt sogar auf die Türsteuerung hat… wie weit reicht das noch? Ich zwinge mich ruhig zu atmen. Panik bringt nichts. Keine Tür- also vielleicht die Fenster? Schnell laufe ich zu jedem Fenster im Haus doch bei allen sind die Rollladen unten und sie sind verriegelt, nicht mal mit Schalter oder Sprachsteuerung lassen sie sich öffnen. Mir wird heiß und kalt. „Die Türe und die Fenster sind verschlossen…“ denke ich, „...weil sie mit der Hausteuerung verbunden sind-wie eigentlich alles in meinem Zuhause, aber es gibt noch den Keller, er ist schon uralt also ist er noch nicht mit der Allgemeinsteuerung verbunden- daher könnte ich dort durch einen Lüftungsschacht fliehen!“ Fliehen… vor einer KI ? Eine Künstliche Intelligenz die nicht einmal denken und schon gar nicht fühlen kann! Wie konnte ich einer Technologie, aus reinen Einsen und Nullen, je vertrauen und meinen ganzen Tag nach ihr richten, alles, was mir wichtig ihr anvertrauen, und nicht einmal mehr eigene Entscheidungen treffen ?!
Tatsächlich, im Keller ist ein altes Lüftungsgitter, dreckig und verstaubt, es lässt sich leicht zur Seite schieben und der dunkle und Spinnenweben reiche Schacht dahinter ist gerade breit genug, um hindurchzukrabbeln. „Louella was hast du vor ?“ Das Armband blinkt. „Ich gehe raus“, sage ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm. „Das ist nicht …“ doch ich lasse Chuck den Satz nicht zu Ende führen, presse nur die Hand auf den Armreif und dämpfe somit seine Worte ab. Mit der Hand noch immer auf dem NeuroBand schiebe ich mich langsam in den Lüftungsschacht. Drinnen ist es stickig und muffig. Hustend vom Staub klettere ich immer weiter, währenddessen befiehlt mir Chuck immer wieder irgendwas, doch ich blende ihn einfach aus. Am Ende des Tunnels ist wieder ein Gitter, was ich mit einem Tritt entferne. Vorsichtig zwänge ich mich ins Freie. „Louella, ich befehle dir sofort wieder ins Haus zu gehen! Das wird Konsequenzen habe, für dich und deine Zukunft!“ Chuck wird immer lauter und wütender, wenn eine KI überhaupt wütend sein kann. Doch er hat keinen Körper, mit dem er mich aufhalten kann, nur Worte. Seine Drohungen werden immer bösartiger, doch ich lasse mich davon nicht aufhalten, ich werde dieses Gefängnis um meinen Arm abschalten und damit auch Chuck zum Schweigen bringen.
Das Künstliche-Intelligenz Center ist ein großes, graues, fensterloses Gebäude. Auf den Weg hierher hat Chuck kein einziges Mal aufgehört mich zu beschimpfen und zu belehren, Gott sei Dank waren kaum Menschen auf den Straßen und die denen ich begegnet bin, waren so mit ihren eigenen Leben, Problemen und NeuroBändern beschäftigt, dass sie nicht mal einen Blick für mich übrig hatten. Wahrscheinlich war ich, bevor Chuck durchgedreht ist auch so ein herumgeisternder und ganz auf seine KI fixierter, Mensch gewesen, doch das werde ich sicher nicht mehr sein. Die Empfangs KI schickt mich in das Büro von einem grummeligen, und desinteressierten Mann, einer der wenigen Menschen, die noch nicht ihre Arbeit von einer Künstlichen Intelligenz machen lassen. „Was willst du Mädchen ?“, fragt er unfreundlich. „Mein NeuroBand hat einen Defekt…“, starte ich zögernd, Was wohl die größte Untertreibung des Jahrhunderts ist. Stockend erzähle ich dem Mann, was alles seit heute Morgen passiert ist und bitte ihn mein NeuroBand zu deaktivieren. Der Typ
starrt mich ungläubig an und meint : „Und das soll ich dir glauben ?! Diese Künstlichen Intelligenzen sind perfekt programmiert und ausschließlich für dein Wohlbefinden tätig.“ Das Armband entfernte er mir trotzdem, unter der Begründung das ich es einfach zu eng gestellt habe. Die ganze Zeit über schwieg Chuck, was ich sehr seltsam finde. „Dein NeuroBand kannst du wieder mitnehmen, so einen Schrott glaube ich dir
nicht !“ Doch ich antwortete nur mit : „ Nein danke, ich lass es lieber hier.“ Danach drehte ich mich um und marschierte davon, ohne ein Wort des Abschieds. Noch viele Jahre später, glaubt mir noch immer niemand das ich mir diese Geschichte nicht ausgedacht habe, doch ich weiß, dass sie wahr ist. Alle anderen um mich herum, sind noch immer in ihrer eigenen KI-Welt gefangen, doch wenn sie es selbst nicht merken das diese Welt nicht real ist, kann ich ihnen nicht helfen. Ich lebe in der echten Welt, wo einem seine Zukunft nicht von einer KI geplant wird, wo man eigene Entscheidungen trifft, und eine eigene Meinung hat. Diese Welt ist zwar nicht so perfekt wie die Welt aus Einsen und Nullen, doch sie ist keine Lüge. Ich brauche keine personalisierte Künstliche Intelligenz, denn ich weiß selbst, was das Beste für mich ist. Anmerkung der Redaktion: Fehler des Textes nicht korrigiert.
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