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SOPHIE REISINGER 16 Jahre
// 3. Platz Schreibwettbewerb 12-18 Jahre Ein Tag in meiner KI Welt 3. Oktober, 2135 – 22:33 Uhr Schön langsam wird es kalt draußen. Jeden Tag gehen wir auf die Suche nach neuen Ressourcen. Mit der Kälte kommt nämlich auch die Krankheit und Medizin ist knapp heutzutage. Die alte Maya hat schon angefangen zu husten. Levi hat mir geraten, mich fernzuhalten. Ich hab das schon sicher hundert Mal gesehen, sie hat nicht mehr lange zu leben. Hier in der verlassenen Lagerhalle tummeln sich die Ratten, die die Krankheit nur noch schlimmer machen. Auch draußen wird es nicht besser. Es werden immer mehr und mehr Patrouillen losgeschickt, um auch die letzten von uns in Labore zu schleppen. Seit Jahren wird es immer schlimmer und ab und zu fragen wir uns: Wird es jemals wieder besser werden? 05. Oktober, 2135 – 18:56 Uhr
Heute hat es auch Rufus erwischt und auch Maya wird immer kränker. Sie haben die beiden in die Quarantäne-Ecke verschanzt, weit weg von uns anderen. Heute haben wir ein paar Decken gefunden in einem alten Haus, weit draußen wo vor ein paar Jahren noch Wald war. Levi, Jonas und ich sind das erste Mal so weit raus gegangen. Es war ein bisschen furchteinflößend, aber umso weiter wir uns von hier entfernten, desto weniger der Roboter sah man. In dem Haus haben wir sogar ein uraltes Modell von 2076 gefunden. Ich frage mich, wie das Leben damals war. Sie waren naiv gewesen damals. Was haben sie denn erwartet? Dass diese Intelligenz, die sie erschufen, auf ewig schweigen würde? 10. Oktober, 2135 – 19:27 Uhr
Gestern ist Maya gestorben. Es war schon grausam, wie sie geschrien hat, bis der Tod sie endlich von ihrem Leiden erlöst hat. Wir finden nichts mehr. Jonas hat es heute fast erwischt. Eine Patrouille von Militärrobotern ist uns entgegengekommen. Zum Glück hat die Kugel ihn nur gestreift, aber wer weiß, ob sich die Wunde entzündet. Ich hoffe, er wird nicht krank wie Maya. Er ist der letzte von denen, mit welchen ich aufgewachsen bin. Mit ihm kann ich reden, er hört mir zu. Ich erzähle ihm viel über die Gedanken, die mich Tag für Tag plagen. Die unzähligen Fragen, die man mir niemals beantworten wird. Manchmal lässt er mich sogar seinen antiken Mp3-player ausborgen, wenn er mitkriegt, dass ich nicht schlafe. Ich glaube, heute ist so ein Tag. Ein solcher, an dem der Schlaf nicht kommen will. 15. Oktober, 2135 – 23:14 Uhr
Man erzählt, dass es schleichend ging. Zuerst übernahmen sie nur alltägliche Arbeiten, die zu verrichten waren. Eintönige Aufgaben, die die Menschen nicht selbst verrichten wollten. Dann übernahmen sie das Denken, verblödeten die Wesen, die sie erschaffen hatten und übernahmen nach und nach die Herrschaft über die komplette Gesellschaft. Bis die Menschen merkten, dass sie schon lange nicht mehr selbst bestimmten was mit ihnen geschah, war es längst zu spät. Die KI ließ die, die es zur Forschung benötigte, in Labore sperren und schlachtete den Rest ab wie Schweine. Hin und wieder frage ich mich, ob ich es gemerkt hätte. Dass meine heile Welt von etwas übernommen wird, dem alles und jeder egal ist. 24. Oktober, 2135 – 13:22 Uhr
Jonas ist wieder gesund. Die Wunde ist gut verheilt, dank unserer Doktorin. Ihre Familie hat damals viele Bücher mitgebracht, von denen wir heute noch leben. Jedoch ist die Quarantäneecke immer voller geworden. Vor allem die Alten und Kinder sind betroffen. Sie tun mir leid. Der gequälte Blick in ihren Augen. Der Schaum an ihrem Mund. Wir können ihnen nicht mehr helfen. Levi und ich haben versucht, das verrostete Tor besser zu isolieren, um die Kälte draußen zu halten. Mittlerweile haben wir nachts Temperaturen von 1-2 Grad Cälsius, aber es wird nur noch schlimmer werden und Nahrung ist knapp. 24. November, 2135 – 19:44 Uhr
Vergangenen Monat hatte ich nicht viel Zeit, um hier weiterzuschreiben. Die Temperaturen sind jetzt auf -7 Grad gesunken. Ende Oktober hat eine Patrouille die Halle gefunden und wir konnten nur mit dem Nötigsten entfliehen. Die Kranken mussten wir zurücklassen, nun sind wir nur noch circa zwei Dutzend, ein paar von uns verletzt von dem Anschlag. Levi hinkt meistens am Ende der Gruppe. Er behauptet zwar, er wäre nur dort, weil er einen starken Schluss bilden wolle, aber ich kenne ihn. Ich weiß, dass er nicht schneller laufen kann, er will es sich nur selbst nicht eingestehen. Wir laufen jetzt schon für gut zwei Wochen. Wir sind weit weg von jeglichen vergangenen Zivilisationen, umgeben von endlosem Wald. Hin und wieder hört man einen einsamen Vogel zwitschern. Ein seltenes Ereignis in der Welt in der wir leben. Jede Nacht graben wir eine Art Schützengraben, um Rast zu machen, ohne uns sorgen zu müssen, dass uns irgendetwas von der Ferne aus erspäht. Ich hoffe, wir finden bald einen neuen Stützpunkt, oder wenigstens etwas essbares. 27. November, 2135 – 13:17 Uhr
Ich sitze unter einem Baum, etwas entfernt von der restlichen Gruppe. Ich beobachte sie. Das habe ich immer schon gerne gemacht. Menschen und Dinge beobachten, ein Verhaltensmuster erkennen, Fehler finden und beheben. Sie haben ein Lagerfeuer entzündet, grillen voller Freude den Hirsch den Matt heute geschossen hat. Es ist sicher schon Wochen her, dass wir das letzte Mal etwas wirklich Sättigendes zu essen gefunden haben. Bis jetzt waren es immer nur Beeren, kleine Nagetiere oder die chemischen Rationen, die von der Lagerhalle noch übrig waren. Die Umgebung hier ist fast schon idyllisch. So weit weg von den Stützpunkten der KI-Regimes gibt es keine Patrouillen oder Kameras, die einen erfassen könnten. Es wächst Gras, Gebüsch und Bäume, die einen Schutz bieten, der Himmel ist zwar wolkenbedeckt und es ist eiskalt, aber die Ruhe, die sich einen bietet, ist unbeschreiblich schön. 30. November, 2135 – 18:35Uhr
Endlich haben wir etwas gefunden. Ein komplett heruntergekommenes Ortszentrum mit ein paar Häusern und Supermärkten. Erstaunlicherweise ist von den Robotergehilfen des Regimes weit und breit keine Spur zu finden und weniger erstaunlich aber enttäuschend ist, dass auch keine weiteren überlebenden Menschen hier sind. Ob es überhaupt noch andere gibt? Oder sind wir die letzten? Jonas und ich haben unser Nachtlager in der ehemaligen Bibliothek aufgeschlagen. Er liebt Bücher. Am liebsten liest er Fantasiegeschichten. Er erzählt mir dann immer davon. Diese Geschichten helfen ihm, der Realität zu entfliehen und sich vorzustellen, was gewesen sein könnte. Wie unser Leben aussehen hätte können, wäre die Künstliche Intelligenz nie an die Macht gekommen. Die Reise hier her war hart. Fünf Leute haben wir verloren, sodass nur noch neunzehn von uns übrig sind. Ich hoffe, dass wir wenigstens für eine Weile hier in Frieden sein können. 03. Dezember, 2135 – 01:44 Uhr
Ich kann nicht schlafen. Ich bin mir nicht sicher warum. Diese letzten paar Tage waren gut. So gut, wie es sein kann jedenfalls. Die Supermärkte wurden noch nicht geraubt, deshalb haben wir jetzt wenigstens für ein paar Monate genug zu essen, wenn wir es sich uns gut einteilen. Mehrmals täglich kontrollieren wir das Gebiet rund um die Häuser, um sicher zu gehen, dass nichts in der Nähe ist und wir haben nie etwas gefunden. Es ist zu ruhig. Wie die Ruhe vor dem unausweichlichen Sturm. ??. Dezember, 2135 – ???
Ich sollte Recht behalten. Ich habe schon jetzt mein Zeitgefühl verloren. Die Zelle hat keine Fenster, ich habe nichts außer dieses Heft und das Hemd an meinem Körper. Sie starren mich an durch das Fenster, diese emotionslosen, humanoiden Gesichter. Wer kam auf die Idee, sie so menschlich aussehen zu lassen? Es ist nämlich wirklich verstörend. Gefunden haben sie uns. Gefolgt sind sie uns. Haben uns glauben lassen, dass wir sicher sind. Gewartet haben sie, bis wir uns sicher waren, dass wir allein sind. Dann haben sie uns überfallen. Mitten in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit haben die mechanischen Marionetten des Regimes sie abgeschlachtet. Alle bis auf zwei oder drei. Uns haben sie mitgenommen, um langsam und qualvoll im Labor zu verenden. Das war vor fünf Tagen, glaube ich. Bis jetzt ist noch nichts passiert, aber ich mache mir keine Hoffnungen an einem Ort wie diesem. Januar, 2136 ???
Ich weiß nicht welchen Tag wir haben. Ist überhaupt schon Januar? Ich habe versucht mit strichen an den Wänden mitzuzählen, aber ich habe schnell den Überblick verloren. Vor ein paar Tagen haben sie mir die erste Spritze gegeben, ich bin nicht gespannt zu sehen, wie sie wirkt, oder ob sie wirkt. Jedes Mal, wenn ich zu schlafen versuche, sehe ich nur die Leichen der anderen vor mir, zerstückelt in Kleinteile, identifizierbar. Sicher sind sie von den Tieren verschlungen worden. Ich hoffe, sie konnten Frieden finden. 2136 ???
Die Experimente werden immer schlimmer. Die Hand haben sie mir abgehackt. Sie wächst nach. Ich weiß nicht, wie spät es ist, oder welcher Tag. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mal mehr weiß, wer ich bin. ???
Sie haben einen Fehler gemacht. Es musste ja passieren. Auch die perfekteste Maschine macht Fehler. Wochen, vielleicht schon Monate habe ich darauf gewartet. Das Tagebuch werde ich vergraben, in der Hoffnung, dass es Menschen finden und meine Geschichte erzählen. In der Hoffnung, dass einen neue Zivilisation, wann auch immer diese kommen mag, nicht so naiv ist wie die letzte. Dass sie nicht durch Faulheit ihre Welt an Maschinen übergeben, die das Leben, wie sie es kennen werden, ohne jede Reue zunichtemachen werden. Eine Scherbe ist in der Zelle liegen geblieben. Dass ist der Fehler, der der Putzroboter gemacht hat. Mein Tod wird meine Entscheidung sein, und nicht die einer künstlich kreierten Intelligenz. Raya, 25 Anmerkung der Redaktion: Fehler des Textes nicht korrigiert.
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